Aktion in Erinnerung an Anna Sutter – Es heißt Femizid!

Gestern, am 29. Juni 2020, jährte sich die Ermordung der Opernsängerin Anna Sutter.

Daher haben wir am frühen Abend das für sie errichtete Denkmal inhaltlich geschmückt. Der sogenannte Schicksalsbrunnen wurde zwar ihr gewidmet, jedoch findet sich nirgendwo ihr Name oder Informationen zu ihrem Leben und Wirken. Wir hoffen, dass vorbeikommende Menschen die Informationen als Anlass nehmen, selbst aktiv zu werden. Eine Gedenktafel wurde wetterfest angebracht, um von nun an klar zu machen, wer Anna Sutter war und um über ihre Ermordung und Femizide aufzuklären.

Anna Sutter war bis zu ihrem Tod mehrere Jahre lang Opernsängerin beim Stuttgarter Staatstheater. Ihre einzigartige Stimme und besonderen Schauspielfähigkeiten machten sie zu einer Ikone über die Stadtgrenzen hinaus. Als selbstbestimmte Frau* Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie auch häufig für ihre eigenständige Lebensgestaltung angeprangert, da sie sich weder an klischeebehaftete Beziehungsmuster halten, noch dies verstecken wollte.

Am 29. Juni 1910 drang einer ihrer Ex-Partner in ihre Wohnung ein und tötete sie mit zwei Pistolenschüssen. Gesprochen wurde damals von einem Liebesdrama, doch diese Tat wurde begangen, weil der Ex-Partner es nicht akzeptierte, dass sie sich als Frau* gegen ihn entschieden hat, um ihr Leben so zu gestalten wie sie es möchte. Es war ein Femizid.

Doch unser Gedenken gilt nicht ausschließlich Anna Sutter, sondern auch unzähligen weiteren Frauen*, die ermordet wurden, weil sie Frauen* sind. Denn Femizide sind kein Problem der Vergangenheit oder einzelner Kulturen oder Länder. Und auch heute noch werden Femizide in den meisten Fällen als Familiendrama verharmlost. Damit wird versucht, die patriarchalen Strukturen und Denkmuster unserer Gesellschaft zu leugnen. Täter werden als einzelne Verwirrte abgetan, um nicht anerkennen zu müssen, dass das kapitalistische System zu einer strukturellen Benachteiligung und Herabwürdigung von Frauen* führt, welche wie im Fall von Anna Sutter tödlich enden kann.

In den letzten Monaten kam es zu einer Verstärkung der Gewalt und Morde an Frauen*. So wurden allein im Raum Stuttgart im Juni vier Frauen* bzw. Mädchen getötet. Knapp 1,5 Millionen Frauen* in Deutschland wurden während den Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen vergewaltigt. Obwohl diese Zahl erschreckend hoch ist, muss von einer noch höheren Dunkelziffer ausgegangen werden.

Gedenken, Handeln und Kämpfen – all das liegt nah beieinander. Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass Femizide mehr in die Öffentlichkeit getragen, ihre Ursachen unverblümt benannt und angeprangert werden.

Doch uns muss klar sein, dass so lange wir in einem kapitalistischen System leben, welches auf Konkurrenz und Unterdrückung anstatt auf Solidarität beruht, wird es Gleichberechtigung und Selbstbestimmung nur auf dem Papier geben. Daher ist unser Kampf gegen Femizide und gegen die Unterdrückung der Frau* auch mit dem Kampf gegen das System verbunden.

Erinnern heißt Kämpfen – wir machen weiter, bis zur endgültigen Befreiung der Frau!